50 Jahre Einberufung Konzil

 

 „Wir hielten die Zeit für reif, der katholischen Kirche und der Menschheitsfamilie die Möglichkeit eines neuen Ökumenischen Konzils zu schenken“. Mit diesen Worten leitete Papst Johannes XXIII. an Weihnachten 1961 die Einladung zum II. Vat. Konzil mit der Konstitution „Humanae salutis“ ein. Das Motto war ein „aggiornamento“, eine Annäherung der Kirche an die Erfordernisse einer stark veränderten Zeit, eine Versöhnung mit der modernen Welt.

Für die einen eine Perspektive der Befreiung, ein Aufbruch in die Selbstverantwortung und Mündigkeit, eine Öffnung auf Dialog und Forschung mit modernen wissenschaftlichen Methoden, eine Emanzipation der Laien, Frauen wie Männer. Andere befürchteten Glaubensverlust, Relativierung der Wahrheit, Verrat der Tradition.

In der Folge entstand während der Vorbereitungen und der Durchführung des Konzils ein Konflikt zwischen Bewahrern, vertreten durch den Kurienkardinal und Vorsteher des Heiligen Offiziums, Kardinal Ottaviani, und dem Kurienkardinal und ersten Präsidenten des neu geschaffenen Sekretariates zur Förderung der Einheit der Christen (dem heute unser Schweizer Kardinal Kurt Koch vorsteht) Kardinal Augustin Bea.

Befürworter und Gegner waren sich nicht ganz im Klaren, in wie weit dieser Papst Dimensionen und Tragweite abzuschätzen vermochte. Später bewerteten Konzilsgeschichtler diese Ankündigung des II. Vatikanischen Konzils als prophetischen Akt. Andere bewerteten es als grosse „Denkfabrik“ im Gegensatz zu den „Lehrkonzilien“ der Vergangenheit. Tatsächlich legten die Konzilsväter das Fundament für ein neues Kirchenverständnis und für eine diesem Kirchenverständnis entsprechende Liturgie.

Religionsfreiheit, Ökumene, das Verhältnis zum Judentum und anderen Religionen, das Verhältnis der Kirche zur Welt im Sinne einer Welt zugewandten Religion, das Verhältnis von Bibel und Offenbarung mit neuen wissenschaftlichen Methoden der Schriftforschung und nicht zuletzt das Apostolat: Klerus und Laien tragen eine gemeinsame Verantwortung für die Verkündigung. Die Verkündigung geschieht nicht nur von der Kanzel, sondern bedient sich neuer Medien und bewahrheitet sich in der tätigen Nächstenliebe.

Die Kirche antwortete damit auf eine längst veränderte geschichtliche und gesellschaftliche Situation: Aufklärung, neues Selbstverständnis der Staaten, Säkularisation und Fortschritte in Wissenschaft und Technik haben ein neues Menschenbild geprägt: Das Überlegenheitsgefühl des westlichen Menschen, der Glaube an das Machbare, die Wissenschaftsgläubigkeit, die Politik des Kalten Krieges mit dem strategischen Gleichgewicht der Abschreckung… Die Kirche brauchte eine neue Sprache, einen neuen Zugang, denn ihre Frohbotschaft bleibt eine Hilfe für die Anliegen der Menschheit: Gerechtigkeit, Friede, Bewahrung der Schöpfung.

Ein Jahr später, während des Konzils, sprach Papst Johannes XXIII. Vinzenz Pallotti heilig. Er würdigte ihn als Visionär des neuen Kirchenbildes, um das das Konzil rang und sagte: „Dass nun dieses überaus beglückende Ereignis (die Heiligsprechung) in jene bedeutsame Zeit fällt, in der das Ökumenische Konzil stattfindet, lässt mit Grund zuversichtlich erhoffen, dass daraus reicher, fruchtbarer Segen spriesst. Wir haben nämlich das feste Vertrauen, dass dieser Mann… an die Erneuerung des christlichen Lebens heranzugehen, zu dieser grossen Stunde der Kirche alle aufruft“ (aus der Ansprache zur Heiligsprechung am 20. Jan. 1963).

Wenn wir uns nun vorbereiten auf das Jubiläumsjahr 2013, auf den 50. Jahrestag der Heiligsprechung von Vinzenz Pallotti, dann können wir es wohl nur mit der kritischen Anfrage:

Was ist aus dem Mut zum Aufbruch geworden? Welches ist heute unser Beitrag zur Erneuerung des Glaubens, zur Evangelisierung? Wie zeigt sich das neue Kirchenbild des Konzils in unseren Werken? Wie mutig kämpfen wir gegen die neokonservative Restaurierung? Wie können wir das Charisma Vinzenz Pallottis klarer sehen, damit wir nicht irgendetwas tun, sondern das, was er von uns heute erwartet?

Mit diesen Gedanken gehe ich mit Ihnen allen in ein neues Jahr. Gestalten wir es mit dem Blick auf das Jubiläumsjahr 2013 und besinnen wir uns auf den Dienst in der Kirche und an den Menschen.

 

 

Pater Adrian Willi SAC, Provinzial

Dokumente des II Vatikanums:

 

Konstitutionen, Erklärungen, Verordnungen

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