2 Mitbrüder aus Indien
Der Schnee ist nicht die einzige neue Lebenserfahrung der beiden Mitbrüder aus Indien in der Schweiz! Am 17. November 2011 trafen die beiden jungen Mitbrüder aus der Bangalore-Provinz, Indien, nach langem Hin und Her mit den Behörden betreffs Einreisebewilligung am Flughafen Zürich-Kloten ein. Es war nach langer Nebelperiode der erste sonnige Tag. Wir sind glücklich, dass die beiden nun bei uns sind - sie bringen auch etwas Sonnenschein in unsere Gemeinschaft! Sie konnten sich von den Reisestrapazen nicht lange erholen, denn schon am nächsten Tag begann der Deutschkurs an der Benedict-Sprachschule in St. Gallen. Im Interview berichten sie von ihren ersten Erlebnissen.
P. Gregory: Zuerst und am meisten möchte ich danken für die grosszügige Einladung und das Vertrauen, P. Michael und mich zur Zusammenarbeit einzuladen und uns in die Gemeinschaft aufzunehmen für den gemeinsamen Dienst in der Kirche. Wir wollen uns echt bemühen, diese Zusammenarbeit zu stärken.
P. Michael, Sie wurden 2003 zum Priester geweiht. In welchen Aufgaben standen Sie, bevor Sie in die Schweiz kamen?
P. Michael:
Nach meiner Priesterweihe arbeitete ich zuerst als Vikar in der St. Vinzenz Pallotti-Kirche in Mumbai, dann als Administrator und Assistent im Missionssekretariat. Abends gab ich oft Computer-Kurse für Burschen aus den Slams. Nach drei Jahren wurde ich Pfarrer in der U.L.Frauen-Kirche in Sarzora, Goa. In Goa arbeitete ich vier Jahre lang in der Pfarrei und als Seelsorger der seefahrenden Leute. Während dieser Zeit machte ich eine Ausbildung zum Familienberater und wurde vom Bischof angefragt, ob ich auch die Spitalseelsorge übernehmen könnte. Die abendlichen Computer-Kurse gab ich weiterhin. Danach wurde ich zum Missionssekretär berufen. Nach einem Jahr kam die Anfrage an mich, ob ich bereit wäre, in der Schweizer Provinz mitzuarbeiten.
P. Gregory, Sie wurden zwei Jahre später zum Priester geweiht. Welche Aufgaben wurden Ihnen anvertraut?
P. Gregory:
Im ersten Jahr nach der Priesterweihe arbeitete ich als Vikar in Amaravathi, eine Missionspfarrei in Andhra Pradesh. Danach schickte man mich zur Weiterbildung für den Bachelor in Erziehungswissenschaften. Dann übernahm ich die Aufgabe als Präfekt am Internat unserer Pallottinerschule (Gymnasium). Im fünften Jahr übernahm ich für zehn Monate den Dienst in einer anderen Missionspfarrei in Palakol im Staat Andhra Pradesh. Schliesslich arbeitet ich im Sozialwerk der Bangalore-Provinz. Nun bin ich hier in der Schweiz.
P. Michael stammt aus Goa, P. Gregory aus Andrapradesh. Erzählen Sie uns ein wenig von Ihrer Heimat, Ihrer Sprache und Ihrer Kultur.
P. Michael:
Wir waren fünf Kinder zu Hause. Ich habe zwei Brüder und zwei Schwestern und ich bin der Jüngste. Mein Vater verstarb 2008, er war Baumeister von Beruf. Meine Mutter ist Hausfrau und sie erzog uns, so dass wir heute mit beiden Füssen auf der Erde stehen. Meine Familie ist sehr gläubig, täglich beteten wir den Rosenkranz und lasen aus der Bibel. Unsere Sprache war Konkani, die Sprache in welcher wir auch die Messe hörten und beteten. Aber in der Schule hatten wir eine andere Sprache, nämlich Kanada. Da meine Heimatstadt früher eine portugiesische Kolonie war, kennen wir europäische Kultur und 80 % Katholiken wohnen dort; so ist auch in meiner Heimatpfarrei eine alte Kirche, die von den Portugiesen gebaut wurde. Wir haben dort eine reiche Kultur und feiern alle Heiligenfeste, den Karneval und das Fest Christ König mit einer eucharistischen Prozession mit einem schön geschmückten Wagen rund um die Stadt. Im Sommer haben wir viel Tourismus, auch viele Menschen aus Europa kommen an unsere Strände.
P. Gregory:
Andhra Pradesh ist der viert grösste Staat in Indien. Es gibt dort zwei offizielle Sprachen, Telugu (91%) und Urdu (9%). Telugu nennt man auch „das Italienisch des Ostens“
weil alle Wörter mit einem Vokal enden und lieblich tönt wie Italienisch. Die meisten Menschen leben von der Landwirtschaft. Reisbau hat den grössten Anteil, die Mangokulturen dort gehören zu den grössen auf der Welt. Hinduismus, Islam und Christentum sind die drei grössten Religionen neben vielen anderen Religionen. Nur 68 % der Menschen haben Schulbildung in Andhra Pradesh. Die meisten Menschen leben in einfachen Dörfern.
P. Gregory, wie haben sie sich die Schweiz vorgestellt? Was entspricht Ihren Vorstellungen, was nicht?
P. Gregory:
Man erzählte mir - und ich sah es auch im Internet - dass die Schweiz ein schönes Land sei. Ja, es ist ein sehr schönes Land mit wunderschönen Landschaften als ob es jemand kunstvoll gemalt hätte.
P. Michael, wenn Sie das Leben in Indien mit dem Leben in der Schweiz vergleichen, was ist ganz unterschiedlich?
P. Michael:
Daheim in Indien ist das Leben sehr einfach, aber farbenfroh und sehr gemeinschaftsbetont. Hier ist das Leben individueller. Aber beide Lebensarten haben ihr Schönes. Hier gibt es viel Kultur und die Menschen sind froh, wenn sie nicht gestört werden. Die Inder aber sind glücklich, wenn sie in Gemeinschaft sind. Ich selbst kenne beide Lebensarten sowohl von der Pfarreiarbeit wie auch von der Gemeinschaft her. Vier Jahre lang war ich allein in der Pfarrei. Ich glaube, das Leben ist letztlich nicht das, was wir von ihm erwarten, sondern was wir daraus machen…
P. Gregory, zum ersten Mal haben Sie gesehen, wie es schneit. Wie vertragen Sie unser Klima?
P. Gregory:
Ja, es ist das erste Mal, dass ich das erlebe. Ich meinte, dass es nach dem Schneien düster und trüb sei. Aber zu meinem Erstaunen ist es - auch wenn die Sonne nicht scheint und sogar bei Mondschein in der Nacht - hell und freundlich und der Schnee bringt etwas Licht in die dunklen Tage. Der Schnee ersetzt etwas Sonnenlicht und Mondschein. Das ist das Schöne am Schnee. Wenn ich aus dem Fenster schaue freue ich mich darüber. Es ist wie ein Fest für die Augen. Das Klima hier ist menschenfreundlich und es ist leicht, sich daran zu gewöhnen.
P. Michael, Sie mussten sich ganz umstellen was das Essen und die Nahrung betrifft. Was schmeckt Ihnen in der Schweiz gut, was schmeckt Ihnen nicht gut?
P. Michael:
Da ich schon früher Europa besucht habe, kannte ich das europäische Essen bereits. Ich bin froh, dass es zum Frühstück Brot und Marmelade gibt, denn bei uns zu Hause ist das auch so. Ich habe keinerlei Mühe mit dem Essen und zudem habe ich auch zu Hause nicht sehr gewürzt gegessen. Nur esse ich eben sehr wenig, was mit meiner familiären Herkunft zusammenhängt. Unsere Mutter hat uns beigebracht, bescheiden zu essen. So nehme ich nur sehr wenig, dafür immer etwas, wenn ich Hunger habe.
P. Gregory, Sie besuchen nun schon über einen Monat die Sprachschule. Was ist für Sie schwierig und wie kann Ihnen unsere Gemeinschaft helfen, die Sprache gut zu erlernen?
P. Gregory:
Ich weiss natürlich, dass in keiner Schule alles perfekt gelehrt wird, darum müssen wir selbst gut lernen. Nichts ist schwierig, wenn es gut erklärt und verständlich gemacht wird. Das Wichtigste geschieht nicht in der Schule. Dort ist ein vorgeschriebenes Programm, dem zu folgen ist. Die Methode folgt Situationen im Alltag. Meiner Meinung nach kann das noch nicht genügen. Z.B. hilft es mir, wenn ich für die Liturgie die Lesung vorbereite oder die Gottesdienste mitfeiern kann.
P. Michael, die kulturellen Unterschiede zwischen Europa und Indien zeigen sich auch in der Liturgie. Wie feiern Sie in Indien die Liturgie und wie empfinden Sie den Unterschied zu der Liturgie hier in der Schweiz?
P. Michael:
Die Liturgie hat in jedem Land seine Eigenheiten. In Indien nehmen an der Liturgie alle teil, Kinder, Junge, Erwachsene und ältere Menschen. Da gibt es viele Messen, Novenen und andere Gottesdienstformen in den Pfarreien. Die heilige Eucharistie ist für uns in Indien das grösste Sakrament. Z.B. haben wir in Mumbai am Sonntag sieben Messen und täglich drei Messen. Oder ein anderes Beispiel: Am Morgen taufte ich zwei Kinder, dann gab ich nachmittags einem Sterbenden die Sterbesakramente und gegen Abend hatte ich eine Beerdigung und später noch eine Hochzeitsmesse. Das Glaubensleben fordert viel Einsatz und nicht immer können sich die Priester an alle Rubriken halten. Hier ist die Liturgie schlicht und klar und verbraucht nicht viel Zeit. Der Priester hier hat mehr Zeit für die Vorbereitung und für andere Aufgaben. Aber das kann ich noch nicht recht beurteilen, weil ich erst kurze Zeit hier bin.
P. Ferdinand war schon drei Monate vor Ihnen in der Schweiz. Er konnte Ihnen helfen, sich hier zu Recht zu finden. Haben Sie sich schon eingelebt bei uns, welches war die grösste Umstellung und was können die Schweizer Mitbrüder tun, damit Sie sich ganz integriert fühlen?
P. Gregory:
Ja, P. Ferdinand konnte uns helfen zu Beginn, was den Start vereinfachte. Auch ist es für uns eine Ermutigung, dass die Schweizermitbrüder sich um uns kümmern. Fürs Einleben im Moment ist alles gut vorbereitet. Noch einmal herzlichen Dank an alle für alles, was unser Leben hier angenehm macht.
P. Michael:
Anfangs musste ich oft nach Wörtern suchen, wenn ich mit den Mitbrüdern sprach. Dann konnte P. Ferdinand auf Englisch einflüstern oder übersetzen. Er nahm uns mit in die Stadt und half uns sehr, dass wir uns zurecht finden und uns schneller integrieren konnten. Ihm möchten wir danken. Die Mitbrüder hier beeindrucken: Sie alle helfen mir, die Sprache und die Kultur zu erlernen und zu verstehen. Das Feiern der Messe und Vortragen der Lesungen und Evangelien helfen mir, mich einzuleben und gibt mir mehr Vertrauen und Zuversicht. Diese Hilfe der Mitbrüder schätze ich sehr. Darum nehme ich die Gelegenheit wahr, allen Mitbrüdern zu danken: Sie alle sind mir eine grosse Hilfe. Merci vielmal!
P. Michael, P. Gregory, herzlichen Dank für dieses Interview. Sie sind für unsere Gemeinschaft eine Bereicherung. Wir wünschen Ihnen beiden viel Mut, Geduld aber auch Freude beim Erlernen der Sprache und bei der Integration in unsere Gemeinschaft.
P. Adrian Willi, Provinzial


