
Lebenslauf von
Pater Reinhard Mattle SAC
24. Juli 1930 - 21. Juni 2011
In seinem Roman „Papst und Kaiser im Dorf“ schreibt Heinrich Federer: „Begeisterung soll nie weh, immer wohl tun“.
Was uns in unserer Gemeinschaft künftig fehlen wird, ist ein Mitbruder, der bis zuletzt begeisterungsfähig war. Wir kennen P. Reinhard alle als begeisterten Kunstkenner und Ästheten, als begeisterten Weltenbummler und Wanderer, als begeisterten Feinschmecker, als begeisterten Geschichts- und Literaturkenner. Manchmal konnte er diese Begeisterung nicht selber in Gang bringen, aber wer ihn kannte, konnte in ihm bis zuletzt diese Begeisterung wecken. Wenn er ab und zu müde oder traurig oder einfach passiv war, brauchte man nur eine kleine geschichtliche oder geographische Häresie aufzutischen und schon funkte es blitzschnell und der Unwissende wurde eines Besseren belehrt. Ich musste immer wieder staunen, welches Wissen, aber auch welche Weisheit sich bei Pater Reinhard angesammelt hat: Ein Riesenmaterial an Humanismus, Kultur und praktischer Theologie, aus dem er ein Priesterleben lang schöpfen konnte und es auch tat als Präses der Zürcher Pfarrhaushälterinnen, Reiseleiter, Schiffsgeistlicher, Mitarbeiter unserer Zeitschrift ferment, Kursleiter und später auch geistlicher Begleiter der APIS-Gemeinschaft, Volksmissionar, Exerzitienmeister und Referent. Das waren Aufgaben, in denen er wirklich aufblühte, aus dem Vollen schöpfte und nicht geizte mit dem Vielen, das er zu bieten hatte. Es war eine Begeisterung, die nie weh, immer aber wohl tat: Ihm und uns!
Aber in seinem Buch „Aus jungen Tagen“ schreibt Heinrich Federer auch:
„Vielleicht muss man hie und da krumm werden, um gerade zu bleiben“.
P. Mattle schreibt in seinen Erinnerungen auch oft von den schmerzlichen Seiten, von dem, was nicht recht gelingen wollte oder sogar von dem, was durch menschliches Verschulden zerbrach. Wie ein roter Faden zieht sich durch sein Leben der Beruf des Lehrers und des Erziehers. So erforderten die Umstände in unserer Gemeinschaft, dass er bereits das Theologiestudium unterbrechen musste, um auf dem Friedberg als Vorkurs-Lehrer einzuspringen. Nach der Priesterweihe 1956 war er Religionslehrer an der Kantonsrealschule (Maitliflade) St. Gallen, an der Verkehrsschule, während seiner Vikariatszeit in St. Marien Bern und St. Anton in Zürich, dort auch an den Freien Christlichen Schulen. Und natürlich Gymnasiallehrer in Gossau und Ebikon, wo er vor allem Deutsch, Geschichte und Geographie unterrichtete. Er selbst schreibt, wie ihm die Lehrtätigkeit anfangs nie leicht fiel, dass er aber Erfahrungen hat sammeln können und immer wieder auch Erfolge hatte. Dennoch kam es ihm als (ich zitiere): „Erleichterung vor, als ich anfangs Juli 1993 die Schule aufgeben konnte. Ich war gerne Lehrer gewesen, eine schöne Tätigkeit!“. Er spürte innerlich, wie er sich von der Schule entfremdete und vieles nicht mehr nachvollziehen konnte an Veränderung.
Die schmerzlichste Erfahrung, die er bis zum Lebensende mit sich trug, war die Trennung mit Schönstatt. Er mit seiner humanistischen Weite, mit seiner katholischen Weite, mit seiner Freude am Schönen, an der Welt, mit seiner Begeisterung für das Konzil, das religiöse Enge und ausgrenzende Abgehobenheit überwinden wollte, fühlte sich plötzlich vor eine Entscheidung gestellt, die ihm keine Freiheit zugestand. Das war mehr, als blosse Meinungsverschiedenheit, die ja immer sein darf und soll, das empfand er das Diskriminierung und Ausgrenzung, die er von Mitbrüdern entgegennehmen musste, mit denen er ein gutes Wegstück zusammen unterwegs war. Es hat in verletzt und die Wunden sind nie ganz verheilt. Damit musste Pater Reinhard leben lernen und es ist ihm nicht ganz gelungen, das wusste er selbst am besten. Es war ein Mass an „krumm werden“, das es ihm ermöglichte, trotz allem sich treu zu bleiben, wie Federer sagt: „Gerade zu bleiben“.
Und so möchte ich die Erinnerungen an P. Reinhard nun auch mit einem Federer-Zitat beschliessen.
In seinen Erinnerungen „Wanderer in Italien“ schreibt der Priester und Dichter:
„Es gibt kein Glück ohne Freiheit!“.
P. Mattle liebte die Freiheit: Er war dankbar für seine Eltern, den Bähnler Paul Mattle, selbst, wie P. Reinhard schreibt: „begeisterter Weltenbummler und Wanderer“, und seine Mutter, Katharina Mattle, geborene Buob, „eine selbstlose, gütige, religiöse Frau“. Dankbar für seine Heimat in Rorschacherberg mit dem Blick in Ferne über den endlosen Bodensee, dankbar für die Zeit am Gymnasium Friedberg, wo er seine Berufung zum Pallottiner erhielt und Appenzell, wo er die Matura bestand. Er war stolz auf seine Heimat, in der die Freiheit immer eine grosse Rolle spielte und erlebte das Noviziat in Morschach als „wunderbares Erlebnis. Trotz gelegentlicher Anfechtung in Glauben und Berufung begann ein klares, begeistertes Wachsen. Die Ideale standen wie Sterne am samtenen Nachthimmel“ - so schreibt er selber in seinen Erinnerungen.
Im letzten Gespräch, das ich mit ihm hatte, fragte ich ihn: Was war für dich das grösste Erlebnis, wenn zu zurückblickst? Und er meinte: Das Konzil! Er hat es nicht in erster Linie als grossartige theologische Auseinandersetzung erlebt, sondern als eine Befreiung vom Buchstabenglaube und religiösem Leistungsdruck. Für ihn war Karl Rahner ein Theologe, der mit seiner Theologie etwas zum Ausdruck brachte, was für P. Reinhard so wichtig war: Echtheit, Grosszügigkeit und Respekt. Im selben Gespräch habe ich P. Reinhard gefragt, welchen Rat er der Kirche für die Zukunft geben würde. Er fasst es nicht in einen Ratschlag, sondern in einen Leitsatz: „Mit Gott für die Welt!“.
„Es gibt kein Glück ohne Freiheit“ - diese Aussage von Heinrich Federer hat P. Reinhard im Leben umgetrieben. Wir haben ihn alle als glücklichen Menschen erlebt, wo er sich frei fühlen konnte, wo er aus dem Vollen schöpfen durfte, wo er Gemeinschaft erlebte, die nicht beengt und ausgegrenzt hat. Wir haben ihn manchmal auch unglücklich erlebt, wo irgendetwas die Freiheit bedroht oder beschnitten hat.
Es war ihm ein grosses Anliegen, dass an seiner Beerdigung allen zu danken sei, die ihm im Leben Gutes getan haben. Auch jenen zu danken, die ihn und seine Fehler ertragen haben, ihm verziehen haben, ihm immer wieder eine neue Chance eingeräumt und viel Verständnis entgegengebracht haben. Seine letzten Zeilen in seinen Erinnerungen lauten:
„Ich habe viel Schönes erlebt: In der Gemeinschaft mit Mitbrüdern, in der Erfüllung der aufgetragenen Arbeiten, aus der Begegnung mit vielen guten Menschen, zum Teil in Freundschaft verbunden, aus Kunst, Musik, Landschaften - aus der Gemeinschaft mit Jesus, dem Herrn und Bruder, seiner Mutter und so manchem Heiligen des Himmels. Den Satz des hl. Paulus: „Ich bin stark in dem, der alles vermag“, durfte ich so oft erfahren…“.
Lieber P. Reinhard, du wirst uns fehlen, aber wir gönnen dir nun für ewig Begeisterung, Geradheit und Freiheit.
P. Adrian Willi SAC
Provinzial
Lebensdaten:
1930 | 24. Juli in Rorschacherberg geboren |
1945-1948 | Gymnasium Friedberg |
1948-1950 | Gymnasium Appenzell |
1950-1952 | Noviziat der Pallottiner in Morschach |
1952-1957 | Theologie in Fribourg |
1956, 15.8. | Priesterweihe auf dem Friedberg in Gossau |
1957-1960 | Religionslehrer St. Gallen |
1960-1962 | Vikar in St. Anton, Zürich |
1962-1969 | Lehrer in St. Klemens, Ebikon |
1969-1972 | Präfekt am Gymnasium Friedberg, Gossau |
1972-1978 | Rektor in St. Klemens, Ebikon |
1978-1993 | Lehrer am Gymnasium Friedberg, Gossau |
1993-2011 | verschiedene Tätigkeiten als Aushilfsseelsorger, Mitglied des Provinzrates, ferment-Reiseleiter, Präses der Pfarrhaushälterinnen etc. bis zu seiner Krankheit |
2011 21. Juni | verstorben im Kantonsspital St. Gallen, auf dem Pallottiner-Friedhof Morschach beigesetzt |
