
Tagung der KOVOSS.CORISS (Konferenz der Vereinigung der Orden und Säkularinstitute der Schweiz) und des Fachgremiums „Sexuelle Übergriffe in der Pastoral“ im Centrum 66, Zürich am 21. Februar 2011
Rund 80 Frauen und Männer der verschiedenen Orden und religiösen Gemeinschaften der Schweiz (darunter auch Provinzial P. Adrian Willi und P. Andy Givel) folgten der Einladung zu der Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln als Verantwortlicher der Bischofskonferenz für dieses Fachgremium eingeladen hat.
Im ersten Teil zeigten Eva-Regina Weller, Opfertherapeutin, und Nico Bischoff, Tätertherapeut, auf anschauliche Art und Weise Kriterien, Definitionen und Situationen von sexuellen Übergriffen auf. Vor allem Abhängigkeiten, Veranlagungen, soziale Situationen und Gefühlsdurcheinander sind der Boden, auf dem bewusster oder unbewusster Macht- und Vertrauensmissbrauch zu Übergriffen führen können. Die Opfer geraten in ein ambivalentes Dilemma: Sie erfahren Beachtung, Zuwendung, Interesse, das sie nicht verlieren wollen, merken aber früher oder später, dass sie missbraucht werden und fühlen sich ausgeliefert oder hilflos, weil sie mit niemandem sprechen wollen oder können. Schuldgefühle und Angst haben verheerende Folgen. Die sexuelle Integrität und eine offene, freie Entwicklung der seelischen und körperlichen menschlichen Kräfte sind sehr hohe Werte und Rechte des Heranwachsenden. Sie nicht zu schützen oder gar zu missbrauchen zerstört Leben!
Es ist klar, dass im seelsorgerlichen Bereich der Pastorale oder der Schulen und Heime überdurchschnittlich Situationen entstehen können, in denen Abhängigkeiten, Machtstrukturen oder Überlegenheit zu Vertrauensmissbrauch und letztlich zum Missbrauch führen können, gewollt und gezielt oder auch anfangs ungewollt und unbewusst sich aufbauend. Den Zuhörern ist klar geworden, dass nur durch Aufklärung und Enttabuisierung, vor allem aber auch im zur Sprache bringen der eigenen Sexualität in der Berufsklärung und Formation mehr Klarheit gewonnen werden kann.
Im zweiten Teil stellte Domherr DDr. Joseph M. Bonnemain das Anliegen einer statistischen Erfassung von Opfermeldungen dar. Für die Schweizer Diözesen wurde dazu ein Meldeblatt erarbeitet, das künftig auch den Ordensgemeinschaften helfen soll, Transparenz und proaktives Verhalten im Umgang mit Opfern und Tätern zu erreichen. Es handelt sich um eine Massnahme, die letztlich auch gegenüber der Öffentlichkeit aufzeigen will, dass die Kirche sich dem Problem stellt, keineswegs etwas vertuschen oder verdrängen will und vor allem nach Kräften versucht Betroffenen zu helfen, Unrecht zu verhindern und das Vertrauen wieder zurück zu gewinnen.
Dr. Adrian von Kaenel, Rechtsanwalt und Präsident des Fachgremiums, erläuterte die rechtliche Situation vom Obligationen- und Zivilrecht. Er wies unter anderem auf die Schutzpflicht der Oberen und Verantwortlichen hin und die Konsequenzen unterlassener Hilfe oder Massnahmen. Sexuelle Übergriffe sind Offizialdelikte, das heisst, der Gesetzgeber muss, wenn er davon in Kenntnis gesetzt wurde, sie ahnen. Komplizierter ist es mit der Anzeigepflicht. Sie wird in den Kantonen verschieden gehandhabt. Hingegen müssen die Verantwortlichen Täter zu einer Selbstanzeige auffordern, das Opfer soll auf die Möglichkeit einer Strafanzeige hingewiesen werden. Es muss alles unternommen werden, damit Wiederholungstaten verhindert werden können.
Prof. Dr. Iwan Rickenbacher stellte abschliessend „die Welt der Medien“ dar. Er riet zur proaktiven Zusammenarbeit und nicht zur Verweigerung oder Verteufelung der Medien. Lobend erwähnte er die Präsenz des Abtes von Einsiedeln oder der Provinzoberin von Ingenbohl in äusserst Schwierigen Situationen: Es sind Zeichen, die wahrgenommen werden und die helfen, verlorenes Vertrauen wieder zu gewinnen oder wenigstens Verständnis zu wecken. Wichtig ist, dass in den Gemeinschaften abgesprochen wird, wer Auskunft und Rechenschaft geben kann und dass Kommunikationsstrukturen geschaffen werden die helfen Ängste abzubauen und einen konstruktiven Umgang mit den Medien zu gestalten.
Abt Martin Werlen von Einsiedeln hat nicht nur zu dieser wertvollen Tagung eingeladne, er hat sie auch moderiert. Besonders eindrücklich war sein Erfahrungsbericht über die eigene Auseinandersetzung mit dem Problem in seinem Kloster, über den Lernprozess der Gemeinschaft im offenen Gespräch und über die Öffentlichkeitsarbeit. Er warnte davor, jetzt, wo der grosse Druck der Medien vorbei ist, wieder die gewohnten Wege zu gehen, sondern die Chance zu nutzen und sich der Verantwortung zu stellen. Die Tagung selbst wollte Hinweise geben, wie dies künftig geschehen könnte. Eine Grundlage dafür stellen die Richtlinien der Schweizer Bischofskonferenz dar, die 2002 erstmals veröffentlicht wurden und 2009 überarbeitet und als 2. Auflage vorliegen. Die Ordensgemeinschaften und religiösen Gemeinschaften werden gebeten, diese Richtlinien der Diözesen zu übernehmen und mit ihrer Hilfe die notwendigen Massnahmen zu veranlassen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten.
P. Adrian Willi SAC
Provinzial
