Samstag nach Aschermittwoch
Am 25. Februar 2012 fand in Gossau der bereits zur geschätzten Tradition gewordene Anlass „Tagung am Friedberg - Samstag nach Aschermittwoch“ statt. Prof. Dr. Paul Rheinbay SAC, Rektor der theol. Hochschule in Vallendar, Kirchen- und Spiritualitätshistoriker, referierte unter dem Titel „50 Jahre Beginn des II. vatikanischen Konzils. Wo ist unser Mut zum Aufbruch geblieben?“. Der Referent verstand es ausgezeichnet, auf Kontinuität und Bruch hinsichtlich der Konzilsgeschichte hinzuweisen. Kontinuität insofern, dass dieses Konzil in der Verpflichtung aller anderen Konzilien stand und steht, Bruch insofern, als dieses Konzil kein „lehramtliches“ Konzil mit Definitionen und Verurteilungen, sondern ein „pastorales“ Konzil mit ereignishaftem Charakter, mit Öffnung und Offenheit für die weitere Entwicklung sein wollte. Die Rezeption dieses Konzils bleibt bis heute die eigentliche Herausforderung, denn nicht der Buchstabe, sondern der Geist des Konzils führt in die Zukunft. Hier besteht auf der einen Seite die Gefahr, den Konzilstexten eigene Wünsche und Projektionen unterzujubeln oder aber - wegen mangelnder Strukturreform der Hierarchie - zu ängstlichem Rückzug zu blasen, eine Spannung, die heute sehr aktuell ist. Die allermeisten Konzilsväter von damals sind heute nicht mehr, die Rezeption des Konzils - insofern es sich um ein Ereignis handelt, das auch heute noch fortdauert - muss durch uns geschehen.
Auch wenn es durch den visionären Akt der Einberufung eines Konzils durch Papst Johannes XXIII. 1962 gegen den Willen vieler Kurienkardinäle so aussieht, als hätte man das Konzil „aus dem Boden gestampft“, muss man den Vorabend des Konzils mit in die Überlegungen hinein nehmen. Der Referent verwies etwa auf Romano Guardini und seinen vielaussagenden Satz: „Die Kirche erwacht in den Seelen“, oder auf den engen Freund des Papstes, Theilard de Chardin, Jesuit, Theologe, Mystiker und Paläontologe, auch darauf, dass die Welt wirklich eine Antwort auf ihre Nöte, unter denen sie litt, erwartete. Das Konzil verstanden als ein „Abholen“ der Menschen dort, wo sie standen und ein Hinführen zum tieferen Verständnis und persönlichem Bekenntnis, als ein Lernprozess der Subjektwerdung der einzelnen Gläubigen hin zu einer aktiven Mitverantwortung für Glauben und Welt, kurz: Das Konzil als Hilfe und nicht als Verurteilender Wächter über die ewigen Wahrheiten.
Tatsächlich ist die Überwindung des Eurozentrismus, die Dynamik von Kirche als Sakrament, „Volk Gottes“ und Communio, die Liturgiereform im Sinne einer Rückbesinnung auf die alte Liturgie, aber auch die Verhältnisbestimmungen zur Welt, zur modernen Wissenschaft, zu den anderen Religionen, zum Atheismus etc. der nachhaltigste Erfolg des Konzils. Vor allem die Pastoralkonstitution war und ist für die Kirche richtungweisend bezüglich des Verhältnisses der Kirche zur modernen Welt. Die Konsequenzen sind weitreichend und haben etwas mit der Glaubwürdigkeit der Kirche heute zu tun, will sie wirklich „Sauerteig“ (Mt 13, 33) in dieser Welt sein.
Die grosse Herausforderung ist und bleibt die Rezeption des Konzils. Der Referent gab auch diesbezüglich einige Kriterien zu bedenken: Nicht der Buchstabe, sondern der Geist, nicht die Lieblingsthemen, sondern das Ganze, nicht der Bruch mit der Tradition, sondern die Auslegung der Tradition. Insofern bleibt dieses Konzil ein Ereignis, als jede Generation den Mut haben muss zu einer im Glauben begründeten, aber revidierbaren Regel. In der anschliessenden Diskussion wurden Fragen aufgeworfen wie: Warum ist heute gerade wieder bei den Jungen die Tendenz zur Klerikalisierung festzustellen, warum denkt man nicht laut über die Zulassungsbedingungen zum Amt nach, welches sind berechtigte Erwartungen in die Kirchenleitung, welches unberechtigte oder gar unnötige? Selbstverständlich war es nicht möglich, auf solch drängende Fragen etwa eine abschliessende Antwort zu finden. Aber P. Rheinbay wies auf eine wichtig Frucht des Konzils hin: Die Würde engagierter Christinnen und Christen, als Mitglieder dieser Kirche, brauchen wir uns nicht durch die Kirchenleitung zusprechen zu lassen - wir besitzen sie bereits als Getaufte. Sie ermächtigt uns zum Zeugnis und zum Handeln.
P. Adrian Willi SAC
