Mitten in warmen Gold- und Ockertönen sitzt sie ruhig, aufrecht, die Schrift in den Händen. Um sie herum drängen sich Menschen: Männer und Frauen, Alte und Junge, Erschöpfte und Aufgewühlte, Suchende und Staunende.
Maria sitzt inmitten der Gemeinschaft - nicht über ihr. Sie ist Hörende. Sie ist Schützende. Ihr Blick ist ruhig, während um sie herum Hände sich heben, Gesichter sich dem Licht zuwenden, Herzen sich öffnen.
Die Apostelgeschichte beschreibt es schlicht und revolutionär: „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu." (Apg 1,14)
Kein Vor und kein Hinten. Kein Wichtig und kein Unwichtig. Der Fischer neben der Frau. Der Zweifler neben der Glaubenden. Das ist der Pfingstsaal – und er ist das Urbild dessen, was Kirche sein sollte.
Auf dem Bild in unserer Marienkapelle in Morschach ist genau das zu sehen: eine Vielzahl von Gesichtern, Gesten, Haltungen. Manche heben die Hände, manche falten sie. Manche schauen aufwärts, manche sind in sich versunken. Und doch gehören alle dazu. Der Geist Gottes sucht sich keine Homogenität. Er sucht Offenheit.
Heute leben wir in einer Kirche, die sich zunehmend spaltet. Wir erleben Lager, die sich misstrauen. Wir erleben Konkurrenzkämpfe um Deutungshoheit, um Einfluss, um die „richtige" Form des Glaubens. Wir erleben müde Gewordene, die sich abwenden. Wir erleben Sprachen des Glaubens, die einander nicht mehr verstehen.
Auch der Pfingstsaal war kein Ort der Gleichgesinnten. Er war ein Ort der Verunsicherten, der Trauernden, der Hoffenden – zusammengehalten nicht durch Einigkeit in allen Fragen, sondern durch die gemeinsame Ausrichtung auf Christus.
Das ist der Unterschied zwischen Einheit und Uniformität. Einheit trägt Verschiedenheit. Uniformität fürchtet sie.
Maria ist in diesem Festgeheimnis nicht Königin im Sinne von Herrschaft. Sie ist Königin im Sinne von Mitte, von Anziehungskraft, die einlädt. Sie zeigt uns: Man kann glauben, ohne auszugrenzen.
Ihr Ja am Anfang – „Mir geschehe nach deinem Wort" – war kein privates Ja. Es war ein Ja für eine Gemeinschaft, die noch nicht existierte. Sie trug im Leib, was die Welt verändern sollte. Und am Pfingsttag trägt sie in ihrer Mitte, was die Kirche zusammenhalten kann: das stille, beharrliche Vertrauen, dass der Geist Gottes grösser ist als unsere Spaltungen.
Das Fest Maria, Königin der Apostel, ist heute eine Herausforderung. Es fragt uns: Wer sitzt bei uns in der Mitte? Wer darf überhaupt in der Mitte sitzen? Wessen Stimme wird gehört, wessen übersehen? Es fragt uns: Sind wir bereit, Kirche als Pfingstsaal zu denken – als Ort, an dem Verschiedene gemeinsam auf Christus ausgerichtet sind? Und es schenkt uns ein Bild das antwortet, bevor wir die Frage zu Ende gedacht haben.
P. Andy Givel, Provinzial